Café Herzschlag, Dienstag, kurz nach acht. Jadoo stellt Dir einen Milchkaffee hin, ohne zu fragen. Patrick legt die Akte auf den Tisch.

„Fangen wir an."

Alpenklinikum St. Hofen, ZNA · 07:15 Uhr

07:15 Uhr — Der erste Morgen

Cemile steht in der Umkleide und zieht den lila Kasack ueber den Kopf. Die Farbe sagt: Praktikantin. Nicht Aerztin, nicht Pflegerin, nicht Rettungsdienst — Praktikantin. Sie haengt sich das leere Lanyard um den Hals. Zwoelf Slots fuer Schuesselkarten. Alle leer.

Die ZNA riecht nach Desinfektionsmittel und Kaffee. Neonlicht, Piepen von Monitoren, ein Telefon das niemand abnimmt. Am Empfang steht Michael — weisser Kittel, Stethoskop um den Hals, einen Becher schwarzen Kaffee in der Hand. Er mustert Cemile kurz.

„Yildirim?" Cemile nickt. „Augen auf, Mund zu. Das ist die einzige Regel, die zaehlt." Er dreht sich um und geht Richtung Schockraum. Cemile folgt.

Alpenklinikum St. Hofen, Seminarraum 3 · 08:00 Uhr

08:00 Uhr — Seminarraum 3

Juliana steht vor der Flipchart. Sie traegt das blaue Polo mit dem Klinik-Logo, die Haare zum Zopf gebunden. Fuenf Praktikanten sitzen vor ihr — Cemile ganz vorne.

„Willkommen in der Psychiatrie-Rotation." Juliana schreibt in grossen Buchstaben auf die Flipchart: MSE. „Mental Status Examination. Zehn Domaenen. Wenn ihr das beherrscht, seht ihr Dinge, die anderen entgehen."

Sie dreht sich um, schaut Cemile direkt an. „Die stillen Signale. Die Dinge, die ein Patient zeigt, ohne sie zu sagen."

Lernziele dieses Kapitels

  • Die besonderen Risikofaktoren fuer psychiatrische Notfaelle in der ZNA benennen
  • Das Mental Status Examination (MSE) strukturiert durchfuehren
  • Psychiatrische Symptome systematisch dokumentieren (Psychopathologischer Befund)
  • Somatische Ursachen psychiatrischer Symptome ausschliessen (organische DD)
  • Die medikamentoese Notfallausstattung fuer psychiatrische Notfaelle kennen

Psychiatrische Grundlagen in der ZNA

Risikofaktoren fuer psychiatrische Krisen

Umgebungsfaktoren

  • Isolation — kein vertrautes Umfeld
  • Erzwungene soziale Naehe auf engem Raum
  • Sensorische Ueberflutung (Alarme, Licht, Laerm)
  • Zirkadiane Disruption durch Schichtbetrieb
  • Kontrollverlust und Abhaengigkeit
  • Medikamentenaenderungen (eigene Medikation nicht mitgenommen)

Praedisponierende Faktoren

  • Vorbestehende psychiatrische Erkrankungen (oft nicht deklariert)
  • Altersbedingte kognitive Vulnerabilitaet
  • Polypharmazie mit psychiatrischen NW
  • Verlust der gewohnten Tagesstruktur
  • Angst, Kontrollverlust, fremde Umgebung

Neurobiologische Grundlagen

HPA-Achse:Chronischer Stress Cortisol-Dysregulation Vulnerabilitaet fuer Depression, Angst, Psychose
Monoamin-Hypothese:Serotonin-, Noradrenalin-, Dopamin-Dysbalance als Substrat psychiatrischer Akutsymptome
GABA-System:Inhibitorisches System, das bei Angst und Agitation vermindert aktiv ist — Angriffspunkt fuer Benzodiazepine
Melatonin-Dysregulation:Schlafstoerung als Trigger und Verstaerker psychiatrischer Symptome
Merke: „Psychiatrisch" ist eine Ausschlussdiagnose

Somatische Ursachen muessen IMMER zuerst ausgeschlossen werden. Die haeufigsten organischen Ursachen akuter psychiatrischer Symptome: Hypoglykaemie, Hyponatriaemie, Hitzschlag, Schlaganfall, Medikamenten-NW, Alkoholentzug, Sepsis.

⚠️

CAVE: Olanzapin + Benzodiazepin

Olanzapin IM und Benzodiazepine IM NIEMALS innerhalb von 1 Stunde kombinieren — Risiko einer schweren Atemdepression und Hypotension. Zeitlicher Mindestabstand einhalten oder auf alternative Sedierung ausweichen.

Evidence: Psychopharmaka in der Notfallmedizin

  • Haloperidol vs. Lorazepam (TRIAD-Studie): Bei Agitation ohne bekannte Psychose ist die Kombination effektiver als Monotherapie
  • Ketamin IN 4mg/kg: Zunehmend als Option fuer extreme Agitation — im ZNA-Setting verfuegbar, aber mit Monitoring-Pflicht
  • Risikostratifizierung: QTc-Monitoring vor Haloperidol empfohlen — in der ZNA per EKG moeglich und obligat

Red Flags — sofort handeln

Red FlagVerdachtsdiagnose
Akute Verwirrtheit bei ueber 65-JaehrigenDelir organisch (HWI, Elektrolyt, Medikamente)
Ploetzliche PersoenlichkeitsveraenderungSchlaganfall, SHT, Enzephalitis
Neue psychiatrische Symptome + FieberMeningitis, Enzephalitis, febriles Delir
Suizidgedanken + konkreter PlanSuizidpraevention: sofortige 1:1-Ueberwachung
Bewusstseinsveraenderung + PupillenasymmetrieIntrakranielle Pathologie Notfall-CT

Medikamentoese Notfallausstattung

MedikamentIndikationDosierungKI
LorazepamAkute Angst, Agitation1-2 mg PO/IM, max. 4 mg/24hAtemdepression, Myasthenia gravis
HaloperidolPsychose, schwere Agitation5 mg IM, max. 20 mg/24hQTc-Verlaengerung, M. Parkinson
DiazepamKrampfanfall, Alkoholentzug5-10 mg IV langsamAtemdepression, schwere Leber-Insuff.
PromethazinSedierung als Adjunkt25-50 mg IMEngwinkelglaukom
Seminarraum 3 · 08:30 Uhr

08:30 Uhr — Das Kaffeegespräch

Juliana holt sich einen Kaffee und setzt sich zu den Praktikanten. „Vergesst das Klemmbrett. Vergesst den weissen Kittel. Das MSE funktioniert am besten, wenn der Patient gar nicht merkt, dass ihr ihn untersucht."

Sie nimmt einen Schluck. „Zehn Domaenen. Ihr schaut, ihr hoert, ihr beobachtet. Und am Ende wisst ihr mehr ueber den Patienten, als er selbst ueber sich weiss."

Cemile schreibt mit. Zehn Domaenen. Stimmung vs. Affekt. Das stille Signal — was der Patient zeigt, ohne es zu sagen.

Mental Status Examination (MSE)

Das MSE ist das psychiatrische Aequivalent zur koerperlichen Untersuchung. Strukturierte Erhebung in 10 Domaenen.

Erscheinungsbild

Pruefung: Kleidung, Hygiene, Haltung

Gepflegt, altersgemäß Verwahrlost, bizarr, starr

Psychomotorik

Pruefung: Bewegungsmuster, Tempo

Unauffällig, situationsadäquat Agitiert, stuporös, katatonisch, tremulös

Sprache

Pruefung: Tempo, Lautstärke, Prosodie

Flüssig, moduliert Pressured speech, Mutismus, Neologismen

Stimmung (subjektiv)

Pruefung: Selbstbericht

"Gut", "Normal" "Hoffnungslos", "Alles egal", "Großartig!"

Affekt (objektiv)

Pruefung: Beobachteter Ausdruck

Schwingungsfähig, kongruent Flach, inadäquat, labil, dysphorisch

Formales Denken

Pruefung: Gedankenfluss, Kohärenz

Logisch, zielgerichtet Ideenflucht, Sperrung, Zerfahrenheit

Inhaltliches Denken

Pruefung: Wahnphänomene, Zwangsgedanken

Realitätsadäquat Verfolgungswahn, Größenwahn, Suizidgedanken

Wahrnehmung

Pruefung: Halluzinationen, Illusionen

Keine Trugwahrnehmungen Akustische/optische Halluzinationen

Kognition

Pruefung: Orientierung, Aufmerksamkeit

Orientiert zu Person, Ort, Zeit Desorientiert, amnestisch

Urteilsfähigkeit/Einsicht

Pruefung: Krankheitseinsicht

Vorhanden Fehlend, eingeschränkt

Praxis-Tipp: Das informelle MSE

Das MSE muss nicht formell wirken. Beispiele fuer ein beilaeufiges Screening:

  • Orientierung: „Wissen Sie, welcher Tag heute ist?" (in Small Talk eingebettet)
  • Affekt: Beobachtung waehrend des Gespraechs — lacht er? Ist der Ausdruck passend?
  • Formales Denken: Folgt das Gespraech einem roten Faden?
  • Inhaltliches Denken: Nennt er ungewoehnliche Ueberzeugungen oder Aengste?
Merke: MSE-Dokumentation

Im MSE beschreibt man beobachtbare Phaenomene, keine Diagnosen. Falsch: „Patient ist psychotisch". Richtig: „Patient berichtet von auditiven Halluzinationen (Befehlsstimmen), Affekt inadaequat (lacht beim Bericht ueber Bedrohung), Formales Denken: Assoziationslockerung." Die Diagnose folgt — die Phaenomenologie kommt zuerst.

Somatische Differenzialdiagnose

⚠️

Grundsatz

„Psychiatrisch" ist eine Ausschlussdiagnose — IMMER zuerst somatische Ursachen ausschliessen.

Somatische UrsachePsychiatrisches SymptomScreening
HypoglykaemieAngst, Verwirrtheit, AgitationBZ-Messung
HyponatriaemieVerwirrtheit, KrampfanfallAnamnese (Diuretika?), klinisch
SchilddruesenkriseAngst, Agitation, PsychoseAnamnese (bekannte SD-Erkrankung?)
HWI (bei Aelteren)Delir, VerwirrtheitUrintest
SHTPersoenlichkeitsveraenderung, AgitationTrauma-Anamnese, Pupillen
Medikamenten-NWDepression, Psychose, VerwirrtheitMedikamentenanamnese
AlkoholentzugAngst, Tremor, HalluzinationenTrinkgewohnheiten erfragen
HitzschlagVerwirrtheit, AgitationTemperatur, Hautturgor

Minimales somatisches Screening

Vor jeder psychiatrischen Diagnose obligatorisch:

  1. 1Vitalzeichen (HF, RR, SpO2, Temperatur)
  2. 2BZ-Messung
  3. 3Pupillencheck
  4. 4Medikamentenanamnese
  5. 5Substanzanamnese (Alkohol, Drogen, OTC)

Entscheidungspunkt

Eine 67-jaehrige Patientin sitzt im Wartebereich der ZNA und scheint „neben sich zu stehen". Sie antwortet verzoegert, schaut immer wieder zur Tuer. „Mir geht es gut, nur die Muedigkeit."

A) Wahrscheinlich Muedigkeit — beobachten und Wasser anbieten.

Beobachtung ist richtig, aber ein strukturiertes Screening ist indiziert. Psychiatrische Symptome werden haeufig als "Muedigkeit" fehlgedeutet.

B) Informelles MSE durchfuehren — Orientierung, Affekt, Denkablauf im Gespraech pruefen + somatisches Basisscreening.

Ein beilaeufiges MSE-Screening gibt erste Hinweise ohne den Patienten zu alarmieren. "Psychiatrisch" ist Ausschlussdiagnose.

C) Direkt Lorazepam 1mg anbieten — sie wirkt aengstlich.

Medikation ohne Diagnostik ist immer falsch. Erst Assessment, dann Diagnose, dann Therapie. Lorazepam ohne somatischen Ausschluss kann gefaehrliche Ursachen maskieren.

ZNA, Stationszimmer · 12:00 Uhr

12:00 Uhr — Die erste Schluesselkarte

Mittag. Cemile sitzt im Stationszimmer und schreibt ihre Notizen ab. Michael kommt herein, legt eine Karte auf den Tisch. Klein, laminiert, mit einem lila Rand.

„Stimmung vs. Affekt," sagt er. „Was der Patient sagt, versus was du siehst. Wenn die zwei nicht zusammenpassen — dann hast du etwas gefunden." Er tippt auf das leere Lanyard. „Erste Karte. Elf to go."

Cemile schiebt die Karte in den ersten Slot. Sie klickt leise ein. Elf leere Plaetze starren sie an. Aber einer ist jetzt gefuellt.

Geschmack auf mehr?

Tante Emma wartet schon auf Dich. Viele weitere Lektionen — sobald die Kasse fertig ist.

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