Café Herzschlag, Dienstag, kurz nach acht. Jadoo stellt Dir einen Milchkaffee hin, ohne zu fragen. Patrick legt die Akte auf den Tisch.

„Fangen wir an."

Rettungswache St. Hofen · 03:14 Uhr

03:14 Uhr — Einsatzmeldung

Drei Uhr morgens. Die Rettungswache St. Hofen riecht nach Kaffee und Desinfektionsmittel. Angela blättert durch Simons Post-it-versehenes Handbuch für pädiatrische Notfallmedizin, als das Telefon klingelt.

„Mein Sohn atmet so komisch. Bitte kommen Sie." — Ein Vater, Stimme dünn vor Angst.

Angela und Michael sind drei Minuten später in der Wohnung im Stadtteil Sonnenhang. Ein Säugling — 8 Monate alt — liegt in seinem Bettchen. Die Luft, die er macht, ist das Lauteste im Raum: ein hohes, pfeifendes Keuchen bei jedem Einatmen, der Brustkorb zieht sich ein.

Wohnung Sonnenhang, St. Hofen

Angelas erster Blick — PAT in Sekunden

Angela bleibt in der Tür stehen. Drei Meter Abstand. Kein Anfassen, kein Stethoskop — nur Augen.

PAT-Befund

Allgemeinerscheinung

Unruhig, weint bei Berührung — aber reagiert auf Vater. Kein schlaffer Tonus. Kein leerer Blick.

Beeinträchtigt, aber nicht kritisch

Atemarbeit

Nasenflügeln sichtbar. Interkostale Einziehungen. Exspiratorisches Giemen. Kein Stridor.

Erhöhte Atemarbeit

Zirkulation zur Haut

Rosige Lippen. Kein Mottling. Kapillarfüllzeit 2 Sekunden. Kein deutlicher Zyanose-Zeichen.

Zirkulation kompensiert

Broselow-Tape

Michael rollt das Broselow-Tape aus — von Kopf bis Ferse: Rosa-Zone. Sechs bis sieben Kilo.

„O-Maske Größe Infant, Flowrate zwei Liter," sagt Michael ruhig.

Angela nickt. Alle Medikamentendosierungen stehen auf dem Tape — keine Rechenaufgaben um vier Uhr morgens.

Diagnose & Therapieentscheidung

„Bronchiolitis. RSV wahrscheinlich," sagt Angela zum Vater. „Kein Antibiotikum, keine Salbutamol-Inhalation — das bringt bei Säuglingen nichts. Wir geben Sauerstoff und beobachten engmaschig."

SpO steigt von 92% auf 96%. Silverman-Score: 4 (mittlere Atemnot). Kein Notfall-Notfall — aber auch kein Abwarten.

Ein Mädchen im Treppenhaus

Im Treppenhaus, als sie den Säugling zum RTW tragen: ein kleines Mädchen, platinblonde Zöpfe, türkisfarbener Schmetterlingsrucksack. Sie sitzt auf der Treppe, die Knie angezogen, und beobachtet den Trubel mit stillen blauen Augen.

„Kinder sehen immer alles."

Pediatric Assessment Triangle (PAT)

Das PAT ist ein 30-Sekunden-Ersteinschätzungstool — OHNE Anfassen, OHNE Stethoskop, OHNE Geräte. Es wird aus drei bis fünf Meter Entfernung durchgeführt, während man auf das Kind zugeht.

Ziel: Sofort erkennen, ob ein Kind krank oder nicht-krank ist — noch bevor man eine Vene sucht.

1. Allgemeinerscheinung (Appearance) — Merkhilfe: TICLS

T

Tonus (Tone)

Ist das Kind beweglich, aktiv? Oder schlaff und träge?

I

Interaktivität

Reagiert es auf Umgebung, Eltern, Geräusche?

C

Consolability

Lässt es sich von den Eltern beruhigen?

L

Look/Gaze

Fixiert es Blicke? Glasiger Blick = alarmierend

S

Speech/Cry

Kräftiges Schreien = gut. Schwaches Wimmern = schlecht.

2. Atemarbeit (Work of Breathing)

Abnorme Geräusche

Stridor (Krupp), Giemen (Asthma), Grunzen (Pneumonie, RDS)

Körperposition

Orthopnoe, Schnüffelposition, Beugehaltung = schwere Atemnot

Einziehungen

Interkostal, subkostal, substernal, jugulär — je mehr, desto schwerer

Nasenflügeln

Bei Säuglingen besonders valides Zeichen der Atemnotschwere

3. Zirkulation zur Haut (Circulation to Skin)

Blässe

Periphere Vasokonstriktion — Schock?

Mottling

Marmorierung — Sepsis, Schock, Kälte

Zyanose

Peripher: Hypoperfusion | Zentral: Hypoxie

PAT-Muster und klinische Konsequenz

MusterWahrscheinliche UrsachePriorität
Allgemein + Atmung + Kreislauf normalRespiratorische InsuffizienzHOCH
Allgemein + Atmung normal + Kreislauf KreislaufschockHOCH
Allgemein + Atmung + Kreislauf Cardiopulmonale InsuffizienzKRITISCH
Allgemein + Atmung normal + Kreislauf normalMetabolisch / ZNSHOCH
Alles normalNicht-krankes KindNIEDRIG
Merke: PAT-Validierung

Das PAT wurde in einer Studie mit 2.218 pädiatrischen Notfallpatienten validiert (Horeczko et al., Prehospital Emergency Care 2013). Sensitivität für kritischen Zustand: 74%, Spezifität: 78%. Es ist kein Ersatz für die vollständige Untersuchung, aber ein validierter Erstklassifikator.

⚠️

CAVE: 5 häufige Fehler bei der pädiatrischen Ersteinschätzung

  • 1. Erwachsenen-Normalwerte anlegen — Tachykardie beim Neugeborenen beginnt bei 180/min, nicht 100/min
  • 2. Schreien als „gutes Zeichen" fehldeuten — ein krankes Kind kann auch laut schreien
  • 3. SpO ohne altersgerechten Kontext — SpO 96% bei Neugeborenem nach RSV kann kritisch sein
  • 4. Eltern aus dem Weg schicken — Elternanwesenheit beruhigt das Kind und verbessert die PAT-Beurteilung
  • 5. Verzögerung durch Monitoring — Geräte erst, wenn Klinik dokumentiert

Pseudokrupp vs. Epiglottitis — kritische Differenzialdiagnose

MerkmalPseudokrupp (Laryngotracheitis)Epiglottitis
Alter6 Monate – 3 Jahre2–7 Jahre (Impfung: selten geworden)
BeginnLangsam, nachtsSehr rasch, Stunden
HustenBellend, charakteristischFehlt oder gering
StridorInspiratorischInspiratorisch und expiratorisch
PositionLiegt, toleriert RückenlageSchnüffelposition, kann nicht liegen
SchluckenMöglichSehr schmerzhaft, Speichelfluss
Fieber< 38,5°C meistens 39°C
AussehenEher rosigToxisch krank, blass
Rachen inspizieren?MöglichNIEMALS ohne Intubationsbereitschaft!
TherapieAdrenalin-Inhalation, DexamethasonIntubation, i.v.-Antibiotika (Ceftriaxon)

Broselow-Tape

Das Broselow-Tape ist ein längensbasiertes Gewichtsschätzungssystem. Es wurde von Dr. James Broselow entwickelt und ist heute Standard in der pädiatrischen Notfallmedizin weltweit.

Kernprinzip: Körperlänge korreliert bei Kindern besser mit Gewicht als das Alter — und das Tape liefert direkt Dosierungen und Equipment-Größen.

Broselow-Farbzonen

FarbeLänge (cm)Gewicht (kg)Alter (ca.)ETT (ohne Cuff)Defi (J)
Grau46–533–5Neugeborenes3,06–10
Rosa54–606–73–6 Mo3,512–14
Rot61–678–96–9 Mo3,5–4,016–18
Violett68–7510–119–12 Mo4,020–22
Gelb76–8512–141–2 J4,524–28
Weiß86–9515–182–4 J5,030–36
Blau96–10719–234–6 J5,538–46
Orange108–12124–296–8 J6,048–58
Grün122–13830–368–10 J6,560–72

Wichtigste Medikamentendosierungen nach Zone

MedikamentRosa (6–7 kg)Gelb (12–14 kg)Blau (19–23 kg)Grün (30–36 kg)
Epinephrin (Anaphylaxie) i.m.0,07 ml (1:1000)0,13 ml (1:1000)0,2 ml (1:1000)0,3 ml (1:1000)
Epinephrin (Reanimation) i.v./i.o.0,7 ml (1:10.000)1,3 ml (1:10.000)2,0 ml (1:10.000)3,0 ml (1:10.000)
Adrenalin Inhalation (Krupp)5 mg (unverdünnt)5 mg (unverdünnt)5 mg (unverdünnt)5 mg (unverdünnt)
Dexamethason (Krupp)0,9–3,5 mg1,8–7 mg2,9–11 mg4,5–16 mg (max!)
Salbutamol Inhalation2,5 mg2,5 mg5 mg5 mg
Diazepam rektal (Krampf)3,5 mg6 mg10 mg (max)10 mg (max)
NaCl-Bolus 20 ml/kg130 ml260 ml400 ml600 ml

Dexamethason: 0,15 mg/kg (Standarddosis Pseudokrupp) bis 0,6 mg/kg (schwerer Status). Alle Dosierungen basieren auf Broselow-Zonen-Mittelwert.

⚠️

Limitationen des Broselow-Tapes

  • Adipositas: Das Tape schätzt das Gewicht bei adipösen Kindern unter — für Dosierungen (nach magerer Körpermasse dosieren) ist das vorteilhaft, für Equipment-Größen aber beachten.
  • Obere Grenze: Das Tape endet bei ca. 36 kg / 138 cm. Ältere oder größere Kinder: Erwachsenenprotokoll oder spezielle pädiatrische Ressourcen.
  • Nicht für Neugeborene: Bei Frühgeborenen und Neugeborenen in den ersten Tagen ist das Tape weniger validiert.
Merke: Broselow-Praxis

Messen vom Scheitel bis zur Ferse — das Kind muss vollständig gestreckt liegen. Die Farbzone wird am Fersen-Ende abgelesen. Das Tape gilt bis ca. 36 kg (Grün-Zone). Bei größeren Kindern/Jugendlichen: Erwachsenendosis unter Berücksichtigung des Gewichts.

Silverman-Anderson-Score

Der Silverman-Anderson-Score bewertet die Atemnotschwere bei Säuglingen und Neugeborenen. Fünf Kriterien, je 0–2 Punkte, maximaler Score: 10.

Kriterium0 Punkte1 Punkt2 Punkte
Thorax-Bauch-BewegungSynchronVerzögertParadox (Schaukelatmung)
Interkostale EinziehungenKeineLeichtDeutlich
Einziehung Sternum (xiphoidal)KeineLeichtDeutlich
NasenflügelnKeinesLeichtes FlügelnDeutliches Flügeln
Exspiratorisches GrunzenKeinesHörbar mit StethoskopOhne Stethoskop hörbar

0

Keine Atemnot

1–2

Leichte Atemnot

3–4

Mittlere Atemnot

5

Schwere Atemnot Eskalation

Bronchiolitis — Was wirkt (und was nicht)

Evidenzbasiert empfohlen

  • Sauerstoff: Bei SpO <90–92%, Ziel 92–95%
  • Lagerung: 30° Oberkörperhochlagerung
  • Nahrung/Flüssigkeit: Sondierung bei schlechter Trinkmenge
  • NaCl nasal: Nasenschleimhaut absaugen, physiologisches Kochsalz

Nicht evidenzbasiert (AWMF/NICE)

  • Salbutamol-Inhalation: Kein Benefit bei RSV-Bronchiolitis
  • Kortikosteroide: Kein Vorteil gezeigt
  • Antibiotika: Virale Erkrankung, nur bei Superinfektion
  • Antivirale (Ribavirin): Routinemäßig nicht empfohlen

Hospitalisations-Kriterien

  • SpO <90% (dauerhaft oder episodisch)
  • Silverman-Score 5 oder progredient steigend
  • Trinkverweigerung / Dehydrierung
  • Apnoe-Episoden
  • Alter unter 6 Wochen oder Frühgeburt in der Anamnese
  • Soziale Situation / fehlende Überwachungsmöglichkeit
⚠️

CAVE: Bronchiolitis — was NICHT zu tun ist

Laut AAP/AWMF/NICE-Leitlinien (2022) sind bei unkomplizierter Bronchiolitis NICHT indiziert: Salbutamol (kein Vorteil, JAMA 2023 Meta-Analyse), Epinephrin-Inhalation (keine Reduktion Hospitalisation), Steroide (keine Wirkung RSV-Bronchiolitis vs. Asthma), Ribavirin (nur in Immunsuppression erwägen), Antibiotika (virale Erkrankung, außer Superinfektion nachgewiesen).

Pseudokrupp — Therapie mit Westley-Score

Kriterium0 Punkte1 Punkt2 Punkte3 Punkte
StridorKeinerBei AgitationIn Ruhe (leicht)In Ruhe (schwer)
EinziehungenKeineLeichtMittelSchwer
BelüftungNormalLeicht Deutlich
ZyanoseKeineBei AgitationIn Ruhe
BewusstseinNormalDesorientiert

0–2

Leicht

Beruhigen, frische Luft, Dexamethason p.o.

3–5

Mittel

Dexamethason + Adrenalin-Inhalation

6

Schwer

Adrenalin + Dexamethason, Notarzt / Klinik

Adrenalin-Inhalation beim Krupp

  • Dosis: L-Epinephrin 1:1000, 5 mg (5 ml) unverdünnt über Vernebler
  • Wirkbeginn: 10–30 Minuten
  • Rebound! Wirkung hält nur 2h — Beobachtung mindestens 4h!
  • Dexamethason: 0,15–0,6 mg/kg einmalig p.o. oder i.m. — anhaltende Wirkung 12–72h

Sauerstoff-Zielwerte bei pädiatrischen Atemwegserkrankungen

Bronchiolitis

SpO 92%

NICE 2023: 90% akzeptiert wenn stabil

Pseudokrupp

SpO 95%

O nur wenn klinisch indiziert

Asthmaanfall

SpO 94–98%

Höher bei Status asthmaticus

Pädiatrische Vitalwerte nach Alter

Pädiatrische Vitalwerte sind altersabhängig und unterscheiden sich erheblich von Erwachsenenwerten. Tachykardie bei einem Neugeborenen ist 180/min — Tachykardie bei einem 10-Jährigen ist 110/min.

AlterHF (/min)AF (/min)RR syst. (mmHg)Gewicht (kg)
Neugeborenes120–16030–6060–803–4
3 Monate120–16030–5065–855–6
6 Monate110–15025–4070–907–8
1 Jahr100–14020–3070–9010
2 Jahre100–13020–3075–9512
4 Jahre80–12020–2580–10016
6 Jahre75–11518–2485–10520
8 Jahre70–11018–2290–11025
10 Jahre65–10516–2090–11530
12 Jahre60–10014–2095–12040
Merke: Blutdruck-Untergrenze

Systolisch minimal (5. Perzentile) =

70 + (2 × Alter in Jahren) mmHg

Beispiel: 4-Jähriger 70 + 8 = 78 mmHg

Merke: Gewichtsschätzung
  • 1–12 Monate: (Alter in Mo + 9) / 2
  • 1–5 Jahre: (Alter × 2) + 8
  • 6–12 Jahre: (Alter × 3) + 7

Backup wenn kein Broselow-Tape verfügbar

PAT: 30 Sekunden, 3 Meter Abstand, kein Anfassen — Allgemeinerscheinung, Atemarbeit, Zirkulation
Broselow: Scheitel–Ferse, Farbzone ablesen, Dosierungen direkt vom Tape
Silverman-Score: 5 Kriterien, je 0–2 Punkte. 5 = schwere Atemnot Eskalation
Bronchiolitis: NUR Sauerstoff ist evidenzbasiert. Kein Salbutamol, keine Steroide, keine Antibiotika
Epiglottitis: Schnüffelposition + hohes Fieber + kein Husten NIEMALS Rachen inspizieren ohne Intubationsbereitschaft!

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Tante Emma wartet schon auf Dich. Viele weitere Lektionen — sobald die Kasse fertig ist.

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