Café Herzschlag, Dienstag, kurz nach acht. Jadoo stellt Dir einen Milchkaffee hin, ohne zu fragen. Patrick legt die Akte auf den Tisch.
„Fangen wir an."

Willkommen bei der Bergrettung
Angela steht im Schulungsraum der Rettungswache Rheinblick und blickt auf den Monitor vor ihr. Die grüne Linie zieht ihre gleichmäßigen Wellen über den schwarzen Bildschirm — P, QRS, T, P, QRS, T. Ein Herzschlag, aufgezeichnet in Licht.
Heute ist ihr erster Tag als EKG-Instruktorin bei der Bergrettung St. Hofen. Durch die großen Fenster sieht sie den Bodensee in der Morgensonne glitzern, dahinter die schneebedeckten Gipfel des Allgäus. Ein perfekter Tag, um in die Sprache des Herzens einzutauchen.
Das Elektrokardiogramm — kurz EKG — ist eines der wichtigsten diagnostischen Werkzeuge in der Notfallmedizin. Es macht die elektrische Aktivität des Herzens sichtbar und erlaubt uns, innerhalb von Sekunden lebensbedrohliche Zustände zu erkennen.
Das Herz als Orchester
Stell dir das Herz als Orchester vor: Jeder Musiker (jede Herzmuskelzelle) muss im richtigen Moment spielen. Der Sinusknoten ist der Dirigent — er gibt den Takt vor, 60 bis 100 Mal pro Minute. Das EKG ist die Partitur, die zeigt, ob alle im Rhythmus sind.

Das Reizleitungssystem
Der elektrische Impuls nimmt einen genau festgelegten Weg durch das Herz:
- Sinusknoten (SA-Knoten) — der Schrittmacher, 60–100/min
- AV-Knoten — die Bremse, verzögert die Überleitung (PQ-Zeit)
- His-Bündel — die Autobahn in die Kammern
- Tawara-Schenkel — links und rechts, verteilen den Impuls
- Purkinje-Fasern — das Feinverteilungsnetz in den Ventrikeln
Was zeigt das EKG?
Das EKG zeichnet die elektrischen Potentialänderungen auf, die bei der Erregungsausbreitung und -rückbildung im Herzen entstehen. Diese Signale werden über Elektroden auf der Haut abgeleitet und als Kurve dargestellt.
Wichtig: Das EKG zeigt die elektrische Aktivität — nicht die mechanische Pumpfunktion! Ein Patient kann ein normales EKG haben und trotzdem einen Herzstillstand erleiden.

Die EKG-Kurve: P, QRS, T
Jeder Herzschlag erzeugt eine charakteristische Wellenform. Die Buchstaben P, Q, R, S und T bezeichnen die einzelnen Abschnitte:

Vorhof-Erregung
Die erste kleine Welle zeigt die Erregung der Vorhöfe (Atrien). Sie sollte positiv (nach oben) sein in den meisten Ableitungen.
Normal:< 0,12 s breit, < 0,25 mV hoch
AV-Überleitung
Die Pause zwischen Vorhof- und Kammererregung. Der Impuls wandert durch den AV-Knoten — die kontrollierte Verzögerung.
Normal: 0,12–0,20 s (120–200 ms)
Kammer-Erregung
Der große Ausschlag zeigt die Erregung der Herzkammern (Ventrikel). Er besteht aus Q-Zacke, R-Zacke und S-Zacke.
Normal:< 0,12 s (< 120 ms) breit
Erregungsrückbildung
Die Erholungsphase der Kammern. Normalerweise in die gleiche Richtung wie der größte QRS-Ausschlag (konkordant).
Achtung: Veränderungen bei Ischämie, Elektrolytstörungen
P-QRS-T = Vorhöfe erregen sich Pause (PQ) Kammern erregen sich Kammern erholen sich. Wie ein Orchester: Erst die Violinen (P), dann die große Pauke (QRS), dann das Ausklingen (T).
Aus Angelas erstem Dienst

Angelas erstes 12-Kanal-EKG

Normaler Sinusrhythmus — 72/min

Team Bergrettung Hohenfels
Merke
Das EKG-Papier: Zeit und Spannung
EKG-Papier ist standardisiert und erlaubt präzise Messungen. Die horizontale Achse zeigt die Zeit, die vertikale Achse die Spannung (Amplitude). Bei der Standard-Papiergeschwindigkeit von 25 mm/s gilt:
| Element | Entspricht | Merkhilfe |
|---|---|---|
| 1 kleines Kästchen (1 mm) | 0,04 Sekunden (40 ms) | Zeit horizontal |
| 1 großes Kästchen (5 mm) | 0,20 Sekunden (200 ms) | 5 kleine = 1 großes |
| 5 große Kästchen | 1 Sekunde | 1 Sekunde = 25 mm |
| 1 mm vertikal | 0,1 mV | Spannung vertikal |
| 10 mm vertikal | 1 mV | Standard-Eichzacke |
Frequenzberechnung
Die Herzfrequenz lässt sich direkt vom EKG-Papier ablesen: Zähle die großen Kästchen zwischen zwei R-Zacken und teile 300 durch diese Zahl.
Beispiel: 4 große Kästchen zwischen R-R 300 ÷ 4 = 75/min
Papiergeschwindigkeit beachten!
Pinnwand — Das Wichtigste auf einen Blick
Frequenz: 60–100/min
Regelmäßig, P vor jedem QRS
P-Welle vor jedem QRS?
QRS schmal (< 120 ms)?
Regelmäßige Abstände?
Frequenz 60–100/min?
PQ-Zeit: 0,12–0,20 s
QRS-Dauer: < 0,12 s
QT-Zeit: frequenzabhängig
Grundprinzipien des EKG erklären
P-QRS-T benennen und verstehen
EKG-Papier lesen können
Bedeutung für die Notfallmedizin

Ende der ersten Schicht
Die Sonne steht tief über dem Bodensee, als Angela ihren Kittel auszieht und zum Fenster tritt. Ihr erster Tag als EKG-Instruktorin bei der Bergrettung liegt hinter ihr — und er war besser, als sie es sich erhofft hatte.
Sie denkt an den alten Bergführer, dessen Sinusrhythmus sie heute gelesen hat. An die grüne Linie auf dem Monitor, die so ruhig und gleichmäßig ihre Wellen zog. P, QRS, T. Fünf Buchstaben, die eine ganze Geschichte erzählen.
Morgen wird sie tiefer eintauchen: In die zwölf Ableitungen, die das Herz aus verschiedenen Blickwinkeln zeigen. Wie ein Bergpanorama, das von jedem Gipfel anders aussieht — und doch immer dieselbe Landschaft zeigt.
„Gute erste Schicht", sagt Dr. Brenner im Vorbeigehen und klopft ihr auf die Schulter. Angela lächelt. Die Rhythmus-Wächter hatten recht: Das Orchester hat heute zum ersten Mal für sie gespielt.