Café Herzschlag, Dienstag, kurz nach acht. Jadoo stellt Dir einen Milchkaffee hin, ohne zu fragen. Patrick legt die Akte auf den Tisch.
„Fangen wir an."
06:12 Uhr — Lawinenalarm am Gamskogel
Der Morgen ist klirrend kalt. Angela steht am Fenster der Rettungswache St. Hofen und beobachtet, wie der Gamskogel im ersten Licht golden aufleuchtet. Minus 18 Grad. Der Atem gefriert in Sekundenbruchteilen.
Das Funkgerät bricht die Stille: Lawinenabgang. Nordseite des Gamskogels. Eine Skitourengruppe — mindestens sechs Personen verschüttet.
Am Einsatzort trifft Angela auf Marko von der Bergrettung. Er steht neben seinem Dodge Ram, die grüne Anglerweste über der schwarzen Jacke, die Brille beschlagen. „Die Kälte ist der geduldigste Killer", sagt er ruhig. „Sie wartet."

Grundlagen der Thermoregulation
Der Mensch ist ein tropisches Tier. Ohne Technik und Kleidung wäre ein Überleben in alpiner Kälte unmöglich. Unser Körper ist für 37°C optimiert — alles andere ist Improvisation.
Der Hypothalamus als Thermostat
Der Hypothalamus im Zwischenhirn fungiert als zentraler Thermostat des Körpers. Er empfängt Temperaturinformationen von:
- Peripheren Thermorezeptoren in der Haut (besonders Kältesensoren)
- Zentralen Thermorezeptoren im Hypothalamus selbst, Rückenmark und Abdomen
- Bluttemperatur der A. carotis und V. jugularis
Kerntemperatur vs. Schalentemperatur
Die Kerntemperatur (Körperkern: Gehirn, Herz, Leber) wird streng bei 36,5-37,5°C gehalten. Die Schalentemperatur (Haut, Extremitäten) kann stark variieren — bei Kälte wird sie geopfert, um den Kern zu schützen.
Wärmeproduktion (Thermogenese)
| Mechanismus | Beschreibung | Kapazität |
|---|---|---|
| Basalmetabolismus | Grundumsatz durch Stoffwechsel | ~80 Watt |
| Muskelzittern | Unwillkürliche Muskelkontraktionen | Bis 400 Watt (5x Grundumsatz) |
| Willkürliche Bewegung | Körperliche Aktivität | Bis 1000 Watt |
| Zitterfreie Thermogenese | Braunes Fettgewebe (v.a. bei Säuglingen) | Variabel, nimmt mit Alter ab |
Wenn das Zittern aufhört
Wenn das Zittern aufhört, ist das kein gutes Zeichen! Es bedeutet, dass der Körper die Energie für die Thermogenese nicht mehr aufbringen kann — ein Zeichen für fortgeschrittene Hypothermie (Stadium II+).

Mechanismen der Wärmeabgabe
| Mechanismus | Prinzip | Anteil | Besonderheit |
|---|---|---|---|
| Konvektion | Wärme an bewegte Luft/Wasser | ~15% | Wind verstärkt massiv! |
| Strahlung | Infrarot an kältere Umgebung | ~60% | Auch ohne Wind/Kontakt |
| Konduktion | Direkter Kontakt | ~3% | Wasser 25x schneller! |
| Evaporation | Verdunstung | ~22% | Nasse Kleidung kritisch! |
KRITISCH — Wasser vs. Luft
Wasser leitet Wärme 25x schneller als Luft! Ein Mensch in 0°C Wasser verliert seine Kerntemperatur in Minuten, nicht Stunden. Nasse Kleidung ist fast genauso gefährlich.
Windchill — Der unsichtbare Killer
Der Windchill-Effekt beschreibt die gefühlte Temperatur unter Berücksichtigung des Windes:
| Temperatur | Wind 10 km/h | Wind 30 km/h | Wind 50 km/h |
|---|---|---|---|
| -10°C | -15°C | -23°C | -27°C |
| -20°C | -27°C | -36°C | -41°C |
| -30°C | -39°C | -49°C | -56°C |
Die drei größten Feinde bei Kälteexposition: Nässe (verhindert Isolation), Wind (verstärkt Konvektion), Kontakt mit kalten Oberflächen (Konduktion). Alle drei zusammen = maximale Gefahr.

Risikofaktoren für Hypothermie
| Risikogruppe | Grund | Besondere Maßnahmen |
|---|---|---|
| Ältere Patienten (>65) | Reduzierte Thermoregulation, weniger Muskelmasse | Früh ins Warme, aktive Überwachung |
| Säuglinge & Kleinkinder | Große Oberfläche/Volumen-Ratio | Plastiktüten-Technik, Hautkontakt |
| Diabetiker | Periphere Neuropathie, Mikroangiopathie | Regelmäßige Inspektion Extremitäten |
| Kardiovaskuläre Erkr. | Eingeschränkte Vasokonstriktion, Arrhythmien | EKG-Monitoring, langsame Erwärmung |
| Alkoholintoxikation | Vasodilatation (!), gestörte Wahrnehmung | Enge Überwachung, BZ-Kontrolle |
| Hypothyreose | Reduzierter Grundumsatz | An Diagnose denken! |
| Polytrauma/Schock | Gestörte Thermoregulation, Blutverlust | "Lethal Triad"! |
Mythos: Alkohol wärmt
FALSCH! Alkohol verursacht Vasodilatation = mehr Wärmeverlust über die Haut. Plus: gestörte Wahrnehmung (merkt Kälte nicht) + Hypoglykämierisiko.
Lethal Triad beim Trauma
Drei Faktoren bilden einen tödlichen Teufelskreis: Hypothermie + Azidose + Koagulopathie. Jeder Faktor verstärkt die anderen — hohe Mortalität!

Alpine Kältemedizin
In den Alpen gelten besondere Regeln. Die Bergrettung muss oft unter extremen Bedingungen arbeiten — hohe Lage, Wind, Schneefall, eingeschränkte Transportwege.
Überlebenszeiten in kaltem Wasser
| Wassertemp. | Erschöpfung/Bewusstlosigkeit | Erwartete Überlebenszeit |
|---|---|---|
| 0-2°C | <15 Minuten | 15-45 Minuten |
| 2-4°C | 15-30 Minuten | 30-90 Minuten |
| 4-10°C | 30-60 Minuten | 1-3 Stunden |
| 10-15°C | 1-2 Stunden | 1-6 Stunden |
| 15-20°C | 2-7 Stunden | 2-40 Stunden |
Alpine Herausforderungen
🆘 Isolation
Hubschrauber bei Schlechtwetter nicht verfügbar. Bodenrettung über verschneite Wege — Stunden statt Minuten.
Massenanfall
Lawinenabgänge können Dutzende Personen gleichzeitig treffen. Begrenzte Ressourcen — Triage wird real.
Umgebung
Steiles Gelände, Schneeverwehungen, Lawinengefahr. Wind und Kälte erschweren jede Maßnahme.
Ressourcen
Bergrettungshütten sind für Erstversorgung ausgestattet, aber kein Krankenhaus. Transport ins Alpenklinikum ist der Engpass.
Bergrettung & Telemedizin
Telemedizinische Beratung ist auch in der Bergrettung möglich. Frühzeitiger Kontakt mit der Leitstelle und ggf. telemedizinische Unterstützung durch das Alpenklinikum können lebensrettend sein.
Der längste Tag beginnt
Marko verteilt die Bergrettungsteams. Sechs Verschüttete — vier bereits geortet. Angela kniet neben dem ersten Patienten im Schnee. Kein Zittern. Verwirrt. Sie greift zum Thermometer.
Die Kälte wartet. Aber Angela hat aufgehört, auf sie zu warten.