Café Herzschlag, Dienstag, kurz nach acht. Jadoo stellt Dir einen Milchkaffee hin, ohne zu fragen. Patrick legt die Akte auf den Tisch.
„Fangen wir an."

Station 1: Rettungswache Rheinblick
„16 Stationen", sagt Michael und tippt auf das Whiteboard. „16 Orte rund um St. Hofen. An jedem lernst du einen Baustein des Atemwegsmanagements. Am Ende hast du 16 Stocknägel — und das Wissen, jeden Atemweg zu beherrschen."
Angela blickt auf den Wanderstock an der Wand. Noch blank. Kein einziger Nagel.
„Wir fangen hier an. Rettungswache Rheinblick. Schulungsraum. Das wichtigste Monitoring-Instrument nach dem Pulsoxymeter: die Kapnographie."
Michael schließt den Kapnographen an das Übungsphantom an. Auf dem Monitor erscheint eine Kurve — gleichmäßig, rhythmisch, wie eine sanfte Welle.
„Siehst du die Welle? CO rein, CO raus. Jeder Atemzug erzählt dir eine Geschichte. Heute lernst du, sie zu lesen."
Das physikalische Messprinzip — Infrarot-Spektroskopie
Die Kapnographie nutzt ein elegantes physikalisches Prinzip: CO-Moleküleabsorbieren Infrarotlicht bei exakt 4,26 µm Wellenlänge. Das Lambert-Beer-Gesetz beschreibt: Absorption ist proportional zur Konzentration. Mehr CO = mehr Lichtabsorption = höherer Messwert.
Das Gerät „sieht" quasi, wie viel CO in der Atemluft ist. Messung erfolgt in mmHg, kPa (1 kPa = 7,5 mmHg) oder Vol%.
Mainstream vs. Sidestream
| Eigenschaft | Mainstream | Sidestream |
|---|---|---|
| Sensor-Position | Direkt am Tubus | Entfernt, via Probenschlauch |
| Ansprechzeit | Unter 50 ms (sehr schnell) | 2-3 Sekunden |
| Totraum | +8-15 ml | Minimal |
| Gewicht am Tubus | 15-25 g | Nur Adapter |
| Spontanatmung | Nur intubiert | Auch via Nasenbrille! |
| Ideal für | OP, Intensiv | Rettungsdienst (universell!) |
Das normale Kapnogramm — Die vier Phasen
| Phase | Name | CO | Bedeutung | Pathologisch wenn |
|---|---|---|---|---|
| I | Inspiratorische Baseline | 0 mmHg | Einatemluft (kein CO) | Erhöht: Rebreathing, erschöpfter CO-Absorber |
| II | Exspiratorischer Aufstieg | Steil ansteigend | Mischung Totraum + Alveolargas | Abgeflacht: Bronchospasmus, COPD |
| III | Alveolarplateau | Plateau (etCO) | Reine Alveolarluft | Erhöhte Steigung: Obstruktion, Adipositas |
| 0 | Inspiratorischer Abstieg | Steil abfallend | Beginn der Inspiration | Verzögert: Inkompetentes Exspirationsventil |
Quantitative Parameter
| Parameter | Normalwert | Klinische Bedeutung |
|---|---|---|
| etCO | 35-45 mmHg | Endtidal-CO, Annäherung an paCO |
| PaCO-etCO-Gradient | 2-5 mmHg | Erhöht bei V/Q-Mismatch, Lungenembolie |
| Atemfrequenz | 12-20/min | Direkt aus Kurve ablesbar |
| I:E-Verhältnis | 1:2 | Aus Kurvenform ableitbar |
PaCO-etCO-Gradient
| Gradient | Bedeutung |
|---|---|
| Normal (2-5 mmHg) | etCO ist etwas niedriger als PaCO — normal |
| Erhöht (über 5 mmHg) | Totraumventilation, Lungenembolie, Schock |
| Negativ (etCO über PaCO) | Schwangerschaft, niedrige Atemfrequenz |
| Über 10 mmHg | Signifikantes V/Q-Mismatch — weitere Diagnostik! |
Klinische Indikationen
Obligat (Goldstandard!)
- Verifizierung der endotrachealen Tubuslage — Persistierende Wellenform über 6 Atemzüge = tracheale Lage bestätigt
- Reanimation — CPR-Qualität, ROSC-Detektion (plötzlicher etCO-Anstieg!)
- Überwachung beatmeter Patienten
- Prozedurale Sedierung
Empfohlen
- Metabolische Notfälle (DKA: Kussmaul-Atmung = niedriges etCO)
- Schockzustände (niedriges etCO durch reduziertes HZV)
- Asthma/COPD-Exazerbation
- Bewusstseinsgestörte Patienten
Tubuslage-Verifikation
| Befund | Bedeutung | Maßnahme |
|---|---|---|
| Persistierende Wellenform über 6 Atemzüge | Tracheale Lage bestätigt | Tubus fixieren |
| Keine Wellenform | Ösophageale Lage ODER Kreislaufstillstand | Tubus entfernen, Laryngoskopie! |
| Abnehmende Amplitude | Tubusdislokation, Kreislaufproblem | Lage prüfen, Kreislauf checken |
CAVE — Kreislaufstillstand!
Bei Kreislaufstillstand kann auch ein korrekt platzierter Tubus kein etCO zeigen! Immer zusätzlich: Direkte Laryngoskopie, Auskultation, Thoraxhebung.
Fallstricke — Falsches etCO
| Problem | etCO zu NIEDRIG | etCO zu HOCH |
|---|---|---|
| Häufige Ursachen | Leckage, Hyperventilation, Schock, hoher PEEP | Hypoventilation, Fieber, Sepsis, NaBi-Gabe |
| Seltene Ursachen | Lungenembolie, Hypothermie | Maligne Hyperthermie, Tourniquet-Lösung |
Wichtige Limitationen
- Kein Ersatz für BGA — Oxygenierung wird NICHT erfasst!
- Lachgas (NO) verfälscht etCO-Werte
- Hoher O-Flow verdünnt etCO
- Mund-/Nasen-Atmung stört Sidestream-Messung
Michaels Praxis-Tipps
- Kapnographie ist der Goldstandard zur Tubuslage-Verifikation — wichtiger als Auskultation
- Bei Reanimation: etCO unter 10 mmHg = CPR-Qualität verbessern (tiefer drücken!)
- Plötzlicher etCO-Anstieg auf über 40 mmHg während CPR = ROSC! Sofort Puls tasten
- Gradient über 10 mmHg = V/Q-Mismatch — denke an Lungenembolie

Station 1 — Rettungswache Rheinblick

Michael erklärt die CO-Kurve

Kapnograph am Phantom

Stocknagel Nr. 1 — Die Welle
Stocknagel Nr. 1
Michael holt etwas aus seiner Jackentasche. Ein kleiner Stocknagel aus Messing — eine stilisierte Welle.
„Die Welle", sagt er. „Weil eine gute Kapnographie-Kurve aussieht wie eine perfekte Welle — mit Tal, Aufstieg, Plateau und Abstieg. Und weil du heute gelernt hast, sie zu lesen."
Angela nimmt den Nagel und drückt ihn in ihren Wanderstock. Der erste von sechzehn.
„Nächste Station?", fragt sie.
„Café Herzschlag. Jadoo macht uns einen Tee, und ich zeige dir, was passiert wenn die Welle ihre Form verliert. Pathologische Kurvenformen."
Angela blickt auf die Kapnographie-Kurve am Monitor. Gleichmäßig, rhythmisch, wie eine sanfte Welle am Bodensee.
Sie hat gerade gelernt, sie zu lesen. Morgen lernt sie, was passiert wenn sie sich verändert.
Key Points — Kapnographie Grundlagen
CO absorbiert Infrarotlicht
bei exakt dieser Wellenlänge.
Das ist die Grundlage.
I: Baseline (0)
II: Aufstieg (Mischluft)
III: Plateau (Alveolarluft)
0: Abstieg (Inspiration)
Keine Kurve = ösophageal
(oder Kreislaufstillstand)
Sofort handeln!
Universell, robust, auch bei
Spontanatmung (Nasenbrille).
Ideal für den Rettungsdienst.